Sicherheit an Grossevents

15.03.2012 - Seit den tragischen Ereignissen im Jahre 2010 an der Love Parade in Duisburg ist das Thema Sicherheit bei Veranstaltungen mit grossem Personenaufkommen von besonderer Brisanz. Immer komplexer und anspruchsvoller wird die Sicherheit. Doch die Praxis zeigt oft, dass die Sicherheitskonzepte bei Veranstaltungen nicht immer ganzheitlich und lückenlos sind. Und überhaupt: ist das auf Papier Festgehaltene auch in der Realität umsetzbar?

Am 13. März 2012 trafen sich in Bern knapp 50 Fachleute von Veranstaltern, Behörden und Sicherheitsdienstleistern zur Fachtagung „Sicherheit an Festivals, Events und Sportveranstaltungen“. Gerichtet war der Fokus auf „Crowd Management“, also per Definition dem ganzheitlichen Konzept zum Erlangen maximaler Sicherheit in der Menge. Vier ausgewiesene Experten gaben ihre aus langjährigen Praxiseinsätzen gewonnenen Erfahrungen und die aus Theorie und Forschungsergebnissen eruierten Kenntnisse zum Besten.

Andy Mestka

Andy Mestka


Dass Potenzial zur Verbesserung der Sicherheit bei Veranstaltungen vorhanden ist, zeigte Andy Mestka (Sicherheitsverantwortlicher AFG Arena und OpenAir St. Gallen) anhand nackter Zahlen, denn „in den letzten 20 Jahren sind weltweit knapp 1000 Menschen an Massenveranstaltungen ums Leben gekommen, weil zu viele Menschen auf zu kleinem Raum waren.“ Darin nicht eingerechnet ist die Zahl von Todesfällen aufgrund von Bränden. „In der Praxis zeigt sich oft, dass ein ganzheitliches Sicherheitskonzept fehlt oder nicht genügend wirkt“. Basis des Konzeptes bildet die auf drei Phasen (Einlass – Event – Auslass) aufgebaute Risikoanalyse. Ein einfaches aber sehr effizientes Tool ist dabei eine Matrix, in welcher die wichtigsten Punkte wie „Art des Anlasses“, „ Gefahren aus Infrastruktur“, „Gefahren aus Natur“ und „Gefahren aus Personengruppen“ grafisch abgebildet werden können. „Je nach Art des Anlasses und Interpreten oder Protagonisten, bilden sich völlig unterschiedliche Gefahrenherde und Sicherheitsanforderungen“, so Mestka. Aber nichts geht über eine gute Planung und möglichen Notfallszenarien. „Flow Charts“ bilden hierbei gute Abbildungsmöglichkeiten. Und oftmal vergessen: Wie soll es im Falle eines Ereignisses nach Einleiten der Evakuationsmassnahmen weitergehen? Was läuft anschliessend ab? Aber selbst Mestka hat bereits bei eigenem Leibe erfahren müssen, wie schwierig es ist, das Geplante im Ernstfall auch umzusetzen. „Bei einer Sommerveranstaltung erhielten wir vom Wetterdienst, zu welchem wir bei unseren Einsätzen jeweils direkten Draht haben, eine Sturmwarnung. Mit Polizei und Feuerwehr standen wir in ständigem Kontakt und waren zwischen Abbruch und Weiterführung hin und hergerissen.“ Zur ganz grossen Evakuation kam es schliesslich nicht, denn er habe schlicht nicht gewusst, wie er mit der feiernden und nichtsensibilisierten Menschenmasse hätte umgehen sollen. Wie schwierig das ganze auch ist, zeigt eindrücklich der auf sicherheit-online.ch aufgeschaltete Videofilm zum Thema „Evakuation eines Festzeltes bei Regen“: www.youtube.com/watch?v=VPqkKIXlY0w

Sabine Funk

Sabine Funk


„Bei Outdoor-Veranstaltungen ist das Wetter ein nicht wegzudenkender Faktor in der Gefährdungsanalyse“, wie Sabine Funk in ihrem Vortrag eingeht. Sabine Funk ist Organisatorin von zahlreichen Events und Musikfestivals in Deutschland und hat in ihrer Karriere schon mit einigen Wetterkapriolen umgehen müssen. Vermeiden des Risikos „Wetterumsturz“ ist undenkbar, die Reduktion mit Ausweichung auf andere Lokalitäten oder Daten zwar denkbar, aber aufgrund von prallvollen Agenden und Terminen meist sehr schwierig. Der Abschluss einer Versicherung und somit der Risikotransfer zu einem Externen ist sicherlich auch ein Weg, wenn auch ein kostenintensiver. Und einzelne Risiken gerade bei Strukturen wie Festzelten, Bühnen und dergleichen können auf den Erbauer übertragen werden. Aber grundsätzlich gilt: „Das Schlechtwetterrisiko muss akzeptiert werden, denn so wenig am Wetter geändert werden kann, umso mehr kann bei den möglichen Konsequenzen angesetzt werden“, wie Funk zu Rate gab. „Und vieles kann aus den Erfahrungen und Auswirkungen von anderen Veranstaltungen gelernt werden“. Die Entscheidungsbefugnisse für den Ereignisfall müssen geklärt, nötige Ressourcen vorhanden sein sowie Aktionen und Abläufe festgelegt und kommuniziert sein. Welche Auswirkungen ein Wetterumsturz haben kann, zeigt sich beim Video „Zusammenbruch der Bühne in Indianapolis“: www.youtube.com/watch?v=QPb7hrQZ74c

Ralf Zimme

Ralf Zimme


Intensiv setzt sich auch Ralf Zimme als Leiter Veranstaltungstechnik und Sicherheitsmanagement der Esprit arena in Düsseldorf mit dem Thema „Crowd Management“ und „Dynamic“ auseinander. „Ein praxistaugliches und sehr empfehlenswertes Werkzeug für die Veranstaltungsplanung ist das DIM-ICE Modell von Keith Still, sowohl für die Abbildung des Normalbetriebes wie auch den Notfall“. Vergleiche Abbildung und Erklärungen dazu:

Modell

Beim Design fliessen beispielsweise die Wege mit Untergrund, Breiten, Verengungen, Beleuchtungen, Richtungsänderungen ein. Aber auch die baulichen Gegebenheiten wie Verkaufsstellen, Gitter, Zäune, Wände und weitere Strukturen werden analysiert. Zum Punkt der Information: Für das Sammeln der Informationen dient das Fragemodell „wann, wer, wie viele, von wo, wie schnell wohin“. Beim Punkt des Managements geht es um die personellen Anforderungen an Wegweisung und Information, Personenführung, Schutz, Überwachung, Berichterstattung und Qualifikation.

Der Mensch im Raum
"Die Drei Dimensionen Länge, Breite und Höhe genügen für die Analyse des Menschen im Raum nicht. Die Bewegung in der Zeit und die Interaktion zwischen den Menschen kommen als vierte und fünfte Dimensionen hinzu“, so Zimme. Die Komplexität nimmt dadurch zu. Hierzu ein kleines Beispiel: Auf einem Gelände mit einer Personendichte von 1 Person pro 2 Quadratmetern bewegt sich diese Person mit einer Geschwindigkeit von 1,23 Metern pro Sekunde. Relativ viel Platz ist vorhanden, die Bewegung durchaus schnell. Doch bei Zunahme der Dichte verringert sich das Tempo rasant, und der Fluss nimmt ab. Aber nicht nur die Personendichte ist verantwortlich für die Reduktion der Geschwindigkeit, sondern auch Richtungsänderungen sowie Engpässe, Steigungen und Treppen. All diese Faktoren müssen in der Planung berücksichtig werden. Für die Berechnung der Auslasszeiten und Fluchtwege ist es gut zu wissen, dass sich unter optimalen Bedingungen pro Meter Ausgangsbreite und pro Minute nur 83 Personen pro Minute rausbewegen können. Somit lässt sich die Auslasszeit in der Praxis gut als Handrechnung ermitteln, denn aus Kostengründen kann nicht alles in Modellen simuliert werden. Punkto Fluchtwege ist es jedenfalls wichtig, dass diese attraktiv gestaltet sind, einladend wirken, breit sind und von freundlichem Personal besetzt sind, denn all diese Faktoren wirken sich im Falle einer Evakuation positiv aus.

Von Markus Good

Infos: www.shoch3.ch

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